Das haben die Nazis auch schon versucht
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Das haben die Nazis auch schon versucht

07.09.2017
Kommentar zum ‚Münsteraner Memorandum‘

Wir vom Good-Doc Team wurden gebeten, uns einmal mit dem sogenannten ‚Münsteraner Memorandum Heilpraktiker‘ zu beschäftigen. Zunächst etwas widerwillig, da wir ja schon aus der Presse erfahren hatten, worum es geht, hat es sich dann doch gelohnt, zumindest an einigen Stellen mussten wir laut lachen! Da die Autoren das Papier aber offensichtlich ernst meinen, hier unser Kommentar dazu. Grundsätzlich ist die Stellungnahme der angeblichen Expertenrunde derart undifferenziert, parteiisch und teilweise böswillig, dass man sich schon sehr wundern muss, wenn ausgerechnet eine Professorin für Medizinethik ihren Namen dafür hergibt.
Das Bild, welches gezeichnet wird, ist, dass alle Heilpraktiker in Deutschland irgendeinem Hokuspokus nachgehen und damit eine tagtägliche Gefahr für die Volksgesundheit darstellen würden, mindestens aber ihre Patienten quasi verhexen, so dass diese dann auch an die Hokuspokus-Verfahren glauben. Der Begriff „Parallelwelt“ soll dies sicherlich noch einmal unterstreichen: Dort, wo man sich selbst befindet, ist natürlich die wahre und die richtige Welt. Nichts ist doch schöner, als klare Grenzen zu ziehen und entsprechend alles in Gut und Böse aufteilen zu können. Das Ganze gipfelt dann in einem Vergleich, der an Unsachlichkeit kaum mehr zu überbieten ist. Wenig schön mit anzusehen, auf welcherart Subniveau sich Personen mit einer akademischen Ausbildung bisweilen meinen begeben zu müssen, nur um ihre Ideologie an die Leute zu bringen.

Dabei wird hier ein Problem behauptet, welches überhaupt nicht existiert! Als einziger konkreter Anhaltspunkt für die ach so schlimme Gefahr durch Heilpraktiker wird auf einen Fall verwiesen, bei dem in einer Biologischen Krebsklinik in Brüggen-Bracht letztes Jahr drei Personen verstarben, der Leiter dort ist ein Heilpraktiker (wir berichteten). Abgesehen davon, dass dies ein Einzelfall ist und es in Deutschland noch 34.999 weitere Kollegen und Kolleginnen gibt, stellt sich die Sache auch noch ganz anders dar: Nach unseren Informationen liegen der zuständigen Staatsanwaltschaft keine ausreichenden Beweise für ein Fehlverhalten des Heilpraktikers vor, ob es jemals zur Anklage kommt, steht in den Sternen. Ihm ein schuldhaftes Verhalten vorzuwerfen ist folglich nicht nur eine Vorverurteilung, sondern auch üble Nachrede. Das Land NRW hätte ihm jederzeit die Zulassung entziehen können, hätte es dazu triftige Gründe gegeben. Da der Mann allerdings weiter als Heilpraktiker arbeitet, scheint dies jedoch nicht der Fall gewesen zu sein. Das Memorandum orakelt dann noch, dass die drei Patienten länger gelebt hätten, hätten sie sich stattdessen in schulmedizinische Behandlung begeben. Das genaue Gegenteil ist jedoch die Wahrheit, die Schulmedizin hat bei diesen Menschen versagt. Es handelte sich um sogenannte Austherapierte, deswegen wurde die biologische Krebsklinik konsultiert.

Wir wollen gar nicht weiter ausholen, aber vergleichen Sie dies bitte mit jährlich 19.000 Toten durch vermeidbare Behandlungsfehler in der Schulmedizin und 40.000 Tote durch Krankenhauskeime, die hausgemacht sind (beides laut AOK-Studien). Zusammen verstirbt jedes Jahr also eine Stadt in der Größe von Friedrichshafen!

Wie groß der Unterschied einer Gefahr von ärztlichem Handeln und dem von Heilpraktikern ist, zeigt auch das Portal das-gesundheitsplus.de mit einem ganz einfachen Vergleich: So belaufen sich die Kosten einer Haftpflichtversicherung für Ärzte je nach Fachrichtung schnell auf mehrere Tausend Euro pro Jahr, für Heilpraktiker sind die Versicherungen zwischen 150 und 200 Euro zu haben.
Und wo wir gerade beim Thema Versicherungen sind, hier kritisiert das Papier, Krankenversicherungen würden zunehmend auch Verfahren bezahlen, die dem nicht-„wissenschaftsorientierten“ Spektrum zuzuordnen seien. Lieber Münsteraner Kreis, Versicherungen funktionieren nach einem ganz simplen Prinzip: Rechnen und Kosten niedrig halten! Wenn Behandlungsverfahren vergleichsweise günstig sind und dabei so effektiv, dass eine Versicherung Geld sparen kann, dann wird dies für die Patienten auch gerne angeboten. Auch, wenn der Gemeinsame Bundesausschuss das doof findet.

Darüberhinaus gibt es auch die Demarkationslinie zwischen der „wissenschaftsorientierten“ und „alternativen“/„komplementären“ Medizin in der Praxis lange schon nicht mehr so, wie die Autoren sie vermutlich gerne hätten. Ärzte wenden sich alternativmedizinischen Verfahren zu, Heilpraktiker bedienen sich ursprünglich schulmedizinischen Verfahren. Ärzte überweisen an Heilpraktiker und Heilpraktiker überweisen an Ärzte, je nach dem, wo die eigenen Stärken und Schwächen liegen, je nach dem, was man selbst verantworten kann. Auch, wenn Deutschland diese Zusammenarbeit betreffend vermutlich das Schlusslicht ist, so ist dieser Trend nicht mehr aufzuhalten. Die Patienten scheinen davon nicht nur zu profitieren, sie scheinen es auch immer mehr einzufordern. Die Verdopplung der Anzahl von Heilpraktiker in Bayern beispielsweise, wie es das Memorandum selbst beschreibt, zeugt davon.

„Aber das ist doch alles nicht wissenschaftlich!“
Kein Arzt würde wohl verneinen, wichtige Entscheidungen auch aufgrund eigener Erfahrungen, manchmal sogar rein intuitiv zu fällen. Natürlich gibt es im medizinischen Handeln und Behandeln einen Unterschied zwischen Rückgriff auf persönliche Erfahrungen und den auf wissenschaftliche Erkenntnisse. Dass beides in der Medizin seinen Platz hat und gerade auch die Verbindung aus beidem oftmals den besten Weg zum Erfolg ebnet, werden einige Zeitgenossen allerdings nie einsehen können. Eine strikte Trennung allerdings dort zu ziehen, wo etwas angeblich wissenschaftlich ist und wo nicht, ergibt für uns keinen Sinn. Wissenschaft sollte gerade darin bestehen, weiter zu erforschen, was einen offensichtlichen Nutzen hat, keinesfalls aber als ideologischer Vorwand genutzt werden, um seinen eigenen Pfründe zu sichern. Da aber auch einige Unterzeichner des Memorandums der GWUP-Sekte angehören, wundert uns nur wenig, dass man sich hier wieder einmal als Gralshüter der Wissenschaft ausgeben möchte. Ganz klar wird hier eine mögliche wissenschaftliche Perspektive auf sogenannte alternativ- oder komplementärmedizinische Verfahren abgelehnt. Sicher, es könnte ja das eigene technizistisch-reduktionistische Kartenhaus ins Wanken bringen!

Wie es mit der tatsächlichen wissenschaftlichen Qualität in der Medizin bestellt ist, zeigt indes der Deutsche Wissenschaftsrat auf. Zur Promotion (als Eintrittskarte für eine wissenschaftliche Laufbahn) in der Medizin stellt er in seinem Positionspapier „Anforderungen an die Qualitätssicherung der Promotion“ von 2011 speziell für die Disziplin Humanmedizin fest: „Wiederholt hat der Wissenschaftsrat die Promotionspraxis in der Medizin kritisiert. Das wissenschaftliche Niveau der studienbegleitenden Doktorarbeiten entspricht aus seiner Sicht in der weit überwiegenden Zahl der Fälle nicht den Standards der Doktorarbeiten anderer naturwissenschaftlicher Fächer.“ Anscheinend sollte hier wohl zunächst vor der eigenen Türe gekehrt werden.

Als nicht wissenschaftlich wird im Memorandum unter anderen das Verfahren der Akupunktur kritisiert, welches der Traditionellen Chinesischen Medizin entstammt. Entschuldigung, soll das ein Witz sein? Die TCM hat ihre Effektivität bereits weit vor der christlichen Zeitrechnung belegt. Zu dieser Zeit gab es die Schulmedizin noch nicht mal in Form der Viersäftelehre, bei der u.a. Wunden mit Tierkot behandelt wurden und die bis in die Neuzeit überdauerte (mit Nachdruck der damaligen „Wissenschaft“). Welch Anmaßung, darüber urteilen zu wollen, jetzt, wo man wieder einmal den aktuellen als den letzten Stand der medizinischen Wissenschaft behauptet!

Um keinen falschen Eindruck zu erwecken: Der Großteil der Ärzte macht jeden Tag einen sehr guten, zu oft auch einen harten Job. Die Schulmedizin hat ohne Zweifel viele Errungenschaften hervorgebracht, niemand möchte wohl in einem entsprechenden Fall auf unsere Notfall-, Intensiv-, oder auch auf die Palliativmedizin verzichten wollen. Anderseits zeigen sich die Grenzen, gerade bei chronischen Erkrankungen, immer deutlicher. Der Professor für klinisches Forschungsdesign und Analyse, Dr. Peter C. Gøtzsche, Mitgründer der Cochrane Collaboration, hat errechnet, dass Medikamente in den westlichen Ländern die dritthäufigste Todesursache sind. Die durch die pharmazeutische Industrie korrumpierte Medizin ist also selbst in eklatanter Weise ein Risikofaktor für die Gesundheit geworden.
In diesem Kontext also zu fordern, die Alternativen zur „orthodoxen“, vorherrschenden Medizin am besten zu verbieten, deren Anbieter aufs Platteste zu verunglimpfen und deren Nutznießer als ahnungslos, willenlos oder schlicht dumm hinzustellen, erscheint durch fehlende Selbstreflexion und überbordende Arroganz motiviert zu sein. Aber Hochmut kommt ja bekanntlich vor dem Fall.

Dabei wiederholen sich womöglich nur die Zeichen der Zeit. Wieder einmal ist es der kleine Junge, der auf dem Spielplatz nicht bereit ist, andere in „seinem Sandkasten“ mitspielen lassen zu wollen und am Ende allein zurückbleibt. Wer versucht, dem Heilpraktikerwesen mit der Nazikeule zu kommen, da das Heilpraktikergesetz durch die nationalsozialistische Regierung 1939 eingeführt wurde, dürfte womöglich die Auswirkungen eines unbarmherzigen Boomerangs zu spüren bekommen. Im Gegensatz sollte das Gesetzeswerk nämlich nur dazu dienen, den Heilkundigen ein für alle Male die Grundlage zu entziehen. Mittels der 1. Durchführungsverordnung sollten nach Ablauf einer kurzen Frist keine weiteren Zulassungen erteilt werden, sogar die Ausbildung wurde unter Strafe verboten. Entsprechende Paragraphen wurden nach 1945 einkassiert und das Heilpraktikergesetz besteht ansonsten bis heute fort.

Sicher kann man über Ausbildungs- und Prüfungsbedingungen einen größeren Diskurs fortführen, keiner der Betroffenen würde sich hier versperren (wie den Kommentaren der Verbände zu entnehmen ist), auch eine Akademisierung wäre für viele denkbar. Hier mahnt das Memorandum allerdings etwas an, was es andererseits verhindern will. Für jeden offensichtlich versucht man also, sich der unliebsamen Konkurrenz zu entledigen, mit äußerst fadenscheinigen Argumenten. Wir wagen einmal die Prognose: Man wird damit genauso scheitern, wie einst die Nationalsozialisten!




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