Bundeskongress der Grünen Jugend bezeichnet Homöopathen als „antisemitisch“
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Bundeskongress der Grünen Jugend bezeichnet Homöopathen als „antisemitisch“

17.09.2019
Vielleicht ging es Ihnen als medizinisch Interessierte auch so? Man musste sich in letzter Zeit des Öfteren fragen, von woher plötzlich diese Heerscharen von angeblichen Homöopathie-Experten auftauchen. Kaum einer der vielen Hobbyschreiberlinge und auch einige B-Prominente schienen darum herumzukommen, auf den fahrenden Zug aufzuspringen und die immer gleichen Phrasen zu dem Ach so brisanten Thema abzusondern.
Dabei ist dies natürlich alles kein Zufall, sondern von einer starken Anti-Homöopathie-Lobby geschickt geplant und lanciert. Kein noch so schwaches Argument scheint den angeblichen „Verbraucherschützern“ dabei peinlich genug zu sein. Mit dem Beschluss des 52. Bundeskongresses der Grünen Jugend ist jedenfalls ohne Frage ein schwer zu unterbietender Tiefpunkt in der Diskussionskultur erreicht.

Wäre es nicht so abgedroschen, müsste man sich fragen: Was ist bloß aus unserer Jugend geworden? Nun kann man ja auch von den Grünen halten, was man möchte. Aber erwarten wir nicht von einer Parteijugend eine aufgeschlossene, freiheitliche, auch gerne eine kämpferische Haltung? Wie konnte es dazu kommen, dass die Grüne Jugend sich dem Thema derart plump und unreflektiert nähert? Ist ihr eigentlich bewusst, von welcher Organisation sie ihren Beschluss in nahezu 100% abgeschrieben (diktiert bekommen?) hat? Initiator der jüngeren Homöopathie-Kritik ist das „Informationsnetzwerk Homöopathie“ (INH) der „Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften“ (GWUP/„Die Skeptiker“). Um dies kurz zu fassen: Die Veröffentlichungen dieser Gesellschaft lauten klar pro Atomenergie / pro gentechnisch veränderter Organismen / pro Glyphosat. Möchte die Grüne Jugend wirklich diese grünen Urthemen für eine kurzfristige Mainstream-Diskussion opfern?
Spätestens jetzt: Was ist bloß aus unserer Jugend geworden!

Schauen wir uns einfach die Argumente an. Sofern vorhanden, Belege für die teilweise haarsträubenden Behauptungen werden erst gar nicht geliefert. https://gruene-jugend.de/gesundheit-statt-globuli

Die „erklärende“ Beschreibung im ersten Absatz geht bereits voll am eigentlich Konzept der Homöopathie vorbei und ist außerdem voller Fehler. Aber vielleicht bleiben wir hier auf einer allgemein verständlichen Ebene. Es werden vor allem zwei Hauptargumente vorgebracht:

1) die gesetzlichen Krankenkassen erstatten homöopathische Behandlungen und/oder Medikamente ohne eine wissenschaftlich begründete Grundlage

Dazu sollte man zunächst verstehen, wie das System der Gesetzlichen Krankenversicherungen funktioniert. Erstattet werden muss, was der Gemeinsame Bundesausschuss (www.g-ba.de) als Leistungen festlegt. Darüberhinaus befinden sich die verschiedenen Anbieter aber auch in Konkurrenz und bieten daher zusätzliche Leistungen an, z.B. Traditionelle Chinesische Medizin, weitere naturheilkundliche Verfahren oder eben auch homöopathische Behandlungen. Fakt ist, dass gerade diejenigen, die diese Alternativen gerne in Anspruch nehmen, eben die sind, die das Solidarsystem basal finanzieren: Mittel bis gut verdienende, eher junge und eher gesunden Personen. Demgegenüber stehen Ausgaben der GKV für Homöopathie von gerade einmal 0,03 Promille.
2/3 der Bevölkerung möchten laut Umfragen eine Erstattung alternativer Medizin, 80% befürworten das sogar bei der Homöopathie. https://www.zeit.de/wirtschaft/2016-12/homoeopathie-medikamente-krankenkassen-leistungen-kunden-wettbewerb/komplettansicht

Gerade auch in den sozialen Medien findet man den Hinweis, Homöopathie werde bezahlt, jedoch keine Brillen oder Zahnersatz. Das ist ein schäbiges Argument, nicht nur wegen der Verhältnismäßigkeit. Diese Leistungen (und viele andere grundlegende) wurden 1996 durch das sogenannte Beitragsentlastungsgesetz https://www.gesetze-im-internet.de/beitrentlg/BJNR163109996.html unter Bundesgesundheitsminister Seehofer in der Kohl-Regierung ersatzlos gestrichen. Als die Homöopathie noch überhaupt nicht Gegenstand öffentlicher Diskussionen war, geschweige denn, eine mögliche, gesetzliche Kassenleistung.

Nochmal zu den Kosten. Bezahlt wird hier von der Kasse zunächst die Sprechstunde eines Arztes. Für die Medikamente ein Beispiel: Ein Fläschchen Streukügelchen Natrium muriaticum, 10g in der gängigen C30-Potenz kostet aktuell bei der DHU 5,52€. Bei Einzelgaben hält dies praktisch ein Leben lang.

2) Homöopathische Behandlungen verhindern eine tatsächlich wirkungsvolle Therapie und sind deshalb gefährlich

Plausibel wäre das möglicherweise: Eine Person lehnt eine Zytostatika-Behandlung bei einer Krebserkrankung ab, lässt sich stattdessen homöopathisch behandeln und stirbt. Es stellt sich dann die Frage: Hätte diese Person über- oder länger gelebt, wäre die Homöopathie geächtet oder verboten?
Wir stellen uns eine andere Frage: Ist dieses Szenario überhaupt real? Wo gibt es zu einer problematischen Anzahl solcher Fälle eine Statistik oder wenigstens Einzelfallberichte? Warum nicht? Wenn man schon den Bogen zieht von einer angeblich wirkungslosen Therapie zu dessen gleichzeitigen Gefahren. Wo sind die Belege? Ist es nicht tatsächlich eher realistisch, dass Patienten in Eigenverantwortung eine homöopathische oder andere komplementäre Begleitung bei solch schweren Erkrankungen zusätzlich hinzuziehen. Oder im schlimmeren Fall, als sogenannte Austherapierte/r einen letzten Versuch zur Gesundung zu unternehmen.
Sollte man nicht davon ausgehen, dass jemand, der eine homöopathische Behandlung in Anspruch nehmen möchte, sich vorher gut informiert hat und Nutzen und Risiken selbst abwägen kann?
Ist der Claim des INH „Wir klären auf – Sie haben die Wahl“ wirklich aufrichtig? Wir sind der Meinung: Nein! Das INH versteckt sich nur hinter der gemeinnützigen Fassade einer Verbraucherschutzorganisation und will genau das nicht: Dass die Menschen selbst denken und eine Wahl haben. Genauso wenig, wie diese Leute Heilpraktiker oder überhaupt eine Therapieform zulassen wollen, die nicht der orthodoxen Schulmedizin angehört.

Weitere Argumente / Forderungen der Grünen Jugend:

3) „Klare Deklaration der Inhaltsstoffe homöopathischer Mittel und ihrer Konzentration“ Wer recherchiert eigentlich bei der Grünen Jugend? Genau das steht seit jeher auf allen Packungen.

4) „Das ist einerseits grotesk, da homöopathische Mittel und Behandlungen häufig teurer sind als wirksame Medizin.“ Eine absurde Behauptung, die durch nichts belegbar ist. Auch nicht, wenn man eine Zahl von 100 Millionen Euro Umsätze der Deutschen Homöopathie Union isoliert nennt, um Eindruck zu schinden. Bezogen auf den gesamten Umsatz der Pharma in Deutschland von 50 Milliarden (de.statista.com), relativiert sich diese Zahl auf 0,2 %.

5) „Ein Argumentationsmuster vieler Homöopathiker*innen, mit dem sie Kund*innen für ihre Methoden gewinnen wollen, ist die Diskreditierung von ‚Schulmedizin’.“
Man muss nun wirklich kein Homöopath oder Anhänger der Homöopathie sein, um berechtigte Kritik an der Schulmedizin zu üben. Dies tun auch viele namhafte Wissenschaftler und Autoren. Z.B. tut dies der dänische Arzt und Medizinforscher Prof. Peter Gøtzsche, in dem er die Schulmedizin selbst als die dritthäufigste Todesursache benennt. In Deutschland stehen als weiteres Beispiel 19.000 Tote jährlich durch vermeidbare Fehlbehandlungen auf der Rechnung der Schulmedizin (laut AOK-Studie).

6) „Da sich die Wirksamkeit von Homöopathika im Bereich von Placebos bewegt, verhindert ihre unreflektierte Abgabe zudem einen ehrlichen und wissenschaftlichen Umgang mit dem Placebo-Effekt.“
Das ist lächerlich! Die Chemopharma-gesteuerte Schulmedizin verhindert selbst die Forschung zum Placebo-Effekt. Weil sich dadurch kein Geld verdienen lässt.

7) „Die aktuelle Vergütungspraxis homöopathischer Behandlungen überdeckt zudem Schieflagen, welche in unserem Gesundheitssystem existieren.“
Wieso ist die Homöopathie jetzt auch noch für Schieflagen in unserem Gesundheitssystem verantwortlich? Ist sie womöglich auch noch Schuld an den Weltkriegen?
Sind das die „Argumentationsmuster“ mit denen wir uns heute auseinandersetzen sollen? Aber es geht leider noch weiter: Das Muster in der Argumentation der Grünen Jugend führt über Homöopathie zu Esoterik, Anthroposophie, Pseudowissenschaft, Kulte, bis hin zu Antisemitismus-Vorwürfen. Kommen Sie noch mit?
Ok, gehen wir einmal davon aus, dass in jungen Jahren solche Begriffe von manchen noch wenig mit Inhalt gefüllt sind, und sie leicht durcheinander, oder auch in einen Topf geworfen werden.
Wie eigenartig übrigens, dass auch eine eingangs erwähnte Gruppe von Erwachsenen alle Erscheinungen in ein kaum reflektiertes Gut/Böse-Schema einzuteilen versucht.
Aber was in aller Welt sollen „einige Homöopathiker*innen“ gegen irgendwelche der vielen semitische Völker haben und warum bloß? Wenn das der Politikstil der kommenden Generation sein soll, dann Gute Nacht!

Und immer wieder die Wissenschaft

Wie sieht es nun tatsächlich mit der Wissenschaftlichkeit bei der Homöopathie aus? Seien wir ehrlich, es fällt schwer, die Wirkungsweise plausibel zu erklären. Jedoch gibt es vielversprechende Forschungsansätze, auch, wenn diese noch sehr jung und rar sind. Der Neurochirurg Dr. Klaus von Ammon berichtet im folgenden Interview von Studien mit vergifteten Wasserlinsen, die nachweisbar mit homöopathischen Mitteln erfolgreich behandelt wurden. https://natuerlich.io/blog/bewusst-leben/wir-werden-beweisen-wie-homoeopathie-wirkt
Auch die sogenannte Arzneimittelprüfung, mit der Homöopathen die ausgelösten Symptome durch Homöopathika testen und dokumentieren, sind hervorragend reproduzierbar. Grundsätzlich sollte man sich die Frage stellen, ob man von dem mechanistischen Weltbild Newtons ausgehen möchte, oder sich modernerer erkenntnistheoretischer Verfahren bedienen möchte, um sich den Phänomenen, die man beobachten kann, zu nähern.

Eine sehr gute und wissenschaftlich neutrale Zusammenfassung bietet der klinische Psychologe und Wissenschaftstheoretiker Prof. Harald Walach in seinem in jeder Hinsicht lesenswerten Artikel:
„Und daher, meine ich, haben wir ein klassisches, wissenschaftstheoretisches Anomalien-Problem: wir haben Befunde, die nicht mit konventionellen Modellen erklärbar sind. Die Befunde sind viel zu wenig robust, als dass sie von Kritikern als Belege akzeptierbar wären und vor allem kommen sie ohne eine brauchbare akzeptierte Theorie daher. Auf der anderen Seite sind die Befunde viel zu deutlich, als dass sie einfach mit einer simplen Schwankung wegerklärt werden können. Sie werden gestützt durch eine lange Geschichte der Effektivität und durch eine praktische Nützlichkeit, die vielleicht mit einem globalen Placebo-Effekt kompatibel ist, vielleicht nicht. Daher meine ich: die Homöopathie ist eine Anomalie, um die wir uns im wissenschaftstheoretischen und –historischen Sinne kümmern müssen.
Wissenschaftlicher Fortschritt beginnt eigentlich fast immer damit, dass man Anomalien ernst nimmt. […]
Wissenschaftlich gesehen können wir nur gewinnen, wenn wir die Homöopathie ernst nehmen. Ich behaupte: genau das ist es, was uns die Daten eigentlich nahelegen. […]
Ich persönlich finde das Placebo-Argument scheinheilig. Denn ein großer Teil der modernen Pharmakologie beruht darauf und ohne ihn wäre die Pharmakologie nicht so weit verbreitet. Das hat eine große Tradition von Placeboforschung deutlich gemacht. Und seit Ted Kaptchuk mehrfach gezeigt hat, dass Placebos auch funktionieren, wenn man den Patienten sagt, dass sie Placebos kriegen: wo ist das Problem?“ https://harald-walach.de/2016/02/29/die-wiederentdeckung-des-rades-macht-es-selten-runder-homoeopathiekritik-geht-in-eine-neue-runde/

Mit einem Blick auf die Geschichte können wir uns jedoch beruhigt zurücklehnen und abwarten. Die Kritik an und der Kampf gegen die Homöopathie ist so alt wie sie selbst und doch hat sie bis heute überlebt. Warum? Vor allem, weil sie seit ihrem Bestehen von vor über 200 Jahren stets mehr genutzt als geschadet hat. Ganz im Gegensatz zur damaligen und auch heutigen Schulmedizin mit ihren überwiegend invasiven und chemischen Ansätzen. Und daher wir sind sicher, die Homöopathie wird auch weiterhin in der ganzen Welt genutzt werden.



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